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Die klassische Musik Nordindiens


Die klassische Musik Nordindiens ist eine der höchstentwickelten Musikformen der Welt. Der strukturelle Rahmen der Musik wird durch ein System von melodischen und rhythmischen Mustern (Raga und Tala) vorgegeben. Innerhalb dieses Rahmens wird das musikalische Gewebe im Moment der Aufführung kreiert, indem sowohl traditionelle als auch improvisierte Elemente einfliessen.

Traditionellerweise führt die Musikerin kein festgelegtes Programm auf, sondern spielt verschiedene Ragas, die aus dem Moment heraus inspiriert sind. Die Wahl des Ragas bleibt normalerweise nicht dem Zufall überlassen; in Übereinstimmung mit jahrhundertealten philosophischen Traditionen werden bestimmte Ragas spezifischen Tages- oder Jahreszeiten und sogar Stimmungszuständen zugeordnet.

Ragas sollten nicht mit der westlichen Idee von Tonleitern verwechselt werden. Obwohl jeder Raga eine charakteristische Tonfolge besitzt, hat dieser Begriff eine viel tiefere Bedeutung. Die Reihenfolge, in der die Töne des Ragas vorgestellt werden, und die Art, wie der Raga selbst offenbart und entfaltet wird, sind extrem wichtig; ebenso Verzierungen, Änderung der Tonhöhe, und die melodische Struktur. Historisch gesehen findet man eine enge Beziehung zwischen dem Konzept von Raga und den frühen westlichen Kirchentonarten.

Obwohl Notationssysteme existieren, ist die Tradition weitgehend mündlich und wird vom Lehrer an den Schüler weitergegeben. Aufführungen werden von den Zuhörern in vielen Aspekten ähnlich wie Jazzimprovisationen geschätzt: es wird erwartet, dass die Musiker ein weit gefächertes Wissen über die Tradition der einzelnen Ragas zeigen (genau wie ein Jazzmusiker die „changes“ kennen muss). Gleichzeitig wird in beiden Traditionen die Aufführende für ihre Fähigkeit bewundert, neues Licht auf das Vertraute zu werfen: es ist die Fähigkeit, die Integrität des Ragas zu ehren, und dies gleichzeitig auf eine intensive persönliche Art und Weise zu tun, die die grösste Wertschätzung erfährt.

Form

Grundsätzlich besteht die Interpretation eines Ragas aus vier Teilen: Alap, Jod, Jhala und Gat.

Alap
In dieser Einführung sinnt die Aufführende über den Raga nach, spielt ihn Ton für Ton, komponiert Phrasen – zunächst ganz einfach, mit den dem Grundton am nächsten Tönen, aber immer komplizierter werdend, bis schliesslich der ganze Tonumfang des Instruments zur Geltung kommt. Der Alap wird ‚ad libitum’ aufgeführt, einer westlichen Kadenz ähnlich, und gewinnt fortwährend an Dynamik durch die Weiterentwicklung der vorgegebenen Satzstrukturen des Ragas. Von Wichtigkeit hier sind mikrotonale Flexionen, Verzierungen und Glissando. Durch diese Ausdrucksmittel enthüllt die Artistin ihr Verstehen und ihre Sensibilität für den von ihr gespielten Ragas. Eine Musikerin wahrer Kreativität ist immer bemüht mittels ihrer Improvisation eine bis anhin nicht erkannte Facette des Ragas hervorzuheben.

Jod
Wenn nach Meinung der Aufführenden die Exposition des Ragas durch den Alap vollkommen sei, führt sie einen rhythmischen Puls in die Musik ein, indem sie kurze Phrasen zum Hintergrund der regelmässig gezupften Dröhnsaiten spielt. Mit der Einführung des rhythmischen Elements werden die Improvisationen verzierter und von längerer Dauer, bis sie in die schnellen Staccatopassagen der Tan, voller rhythmischem Feingefühl und der technischen Virtuosität bedürfend, enden. Nachdem mehrere Sektionen zunehmenden Tempos gespielt worden sind, kann die Aufführende entweder diesen Teil beenden oder zu einem letzten Satz übergehen.

Jhala
Im Jhala spielt die Aufführende anhand der Chikari-saiten (hoher Dröhnsaiten) verschiedene virtuose rhythmische Phrasen. Je nach Aufführung kann der Jhala entweder der Zenit des ersten Teils (ohne Tablabegleitung) oder die Kulmination des Gats sein.

Gat
Dieser Satz ist in der Form eines Rondos, mit einem vorkomponierten (üblicherweise traditionellen) Leitmotiv, das über einem wiederkehrenden rhythmischen Zyklus – einem Tal – gespielt wird. Der Tabla-Spieler, dessen Hauptaufgabe die Betonung dieses Tals ist, begleitet das melodische Instrument von hier an bis zum Ende der Aufführung. Ähnlich wie beim westlichen Rondo, in dem das Leitmotiv nach jeder Variation gespielt wird, kehrt die indische Aufführende nach ihrer einige Zyklen dauernden Improvisation zum Anfang des Motivs oder zum ersten Takt (dem Sum) des neuen Zyklus zurück. Oft wird das Motiv – der Gat – vom Hauptinstrument über einige Zyklen gespielt, während der Tabla-Spieler improvisiert. Im Allgemeinen besteht dieser Satz aus zwei Gats, einem langsamen und einem schnellen. Am Ende des Satzes leitet das Hauptinstrument einen Übergang zum Jhala und zum Höhepunkt der Aufführung ein.

Tala
Talas bilden die rhythmische Grundlage auf der die indische Musik komponiert und improvisiert wird. Jeder Tala, gegliedert in Phrasen, besteht aus einer konstanten Anzahl Takte. Die Phrasen können gleicher (z.B. Teental, 4-4-4-4) oder unterschiedlicher Länge (z.B. Dhammar, 5-2-3-4) sein. Sowohl Solistin als auch Beglieterin müssen sich der Rückkehr zum ersten Takt eines Talas bewusst sein, und obwohl inmitten von einer Improvisation es erlaubt (und sogar gefördert) ist, zur Grundlage des Talas konträre Takte und Phrasen zu betonen, müssen alle Variationen schlussendlich zum ersten Takt des Zyklus zurückkehren. Diese Wiederkehr macht zum grossen Teil den Reiz der indischen Musik aus, und gibt den Aufführenden die Möglichkeit ihre Virtuosität und Kreativität zu entfalten.

Zuhörer – westliche wie auch indische –, die mit der indischen Musik vertraut sind, vermögen der Entwicklung des Talas zu folgen und haben deswegen ein erhöhtes Bewusstsein, ein erhöhtes Verständnis für die Fähigkeit der Aufführenden, ihre Improvisationen innerhalb der Strukturen der rhythmischen Zyklen zu entwickeln und zum ersten Takt zurückzukehren. Aber auch erstmalige Zuhörer spüren das Spezielle am Augenblick der rhythmischen und musikalischen Rückkehr, in dem sich alle Elemente wieder zu treffen scheinen. Dieser Augenblick ist ein zauberhafter, der oft sowohl unter erfahrenen als auch uneingeweihten Zuhörern einen spontanen Applaus auslöst.

Übersetzt von Ken Zuckerman und Gregory de Souza.

Ken Zuckerman ist weltweit anerkannt als einen der besten heute aufführenden sarod-Virtuosen. Er ist seit 35 Jahren Schüler des Ustad Ali Akbar Khan, mit dem er zahlreiche Konzerte in Europa, Indien und den USA mitaufgeführt hat. Ken Zuckerman ist Direktor des Ali Akbar College of Music in Basel, und ist auch an der Musikakademie Basel als Lehrer tätig, wo er sowohl die klassische Musik Nordindiens als auch die Musik des Mittelalters unterrichtet. Das Ali Akbar College, das dieses Jahr sein zwanzigjähriges Jubiläum feiert, bietet Kurse – für alle Lernende, Anfänger bis Fortgeschrittene – in instrumentaler und vokaler Musik an. Weitere Informationen sind auf der Website des College unter www.kenzuckerman.com zu finden.
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